Kurzgeschichte: „Ungâtars Verhängnis“, Warhammer Fantasy

Die folgende Geschichte lief im gerade abgelaufenen Kurzgeschichten-Wettbewerb im Warhammer-Board. Ich habe sie auf der Basis der dort formulierten Kritiken und Anregungen überarbeitet und stelle hier nun Version 2 vor. Ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal ausdrücklich für die konstruktive Kritik bedanken.

Dies meine erste Kurzgeschichte aus dem Warhammer-Fantasy-Universum. Sie schildert eine Episode im Leben eines Dunkelelfs, der als Hochgeborener Fürstensohn etwas vom rechten Weg abgekommen ist und versucht, seiner Bestimmung zu entkommen. Viel Spaß beim Lesen.

                                           

Ungâtars Verhängnis

Wie so oft schlenderte Ungâtar gelangweilt durch die Gänge von Naggor, seiner Heimatarche. Trotz des Ewigen Eises waren die Temperaturen erträglich und er sehnte sich einfach nach Zerstreuung. Aus elfischer Sicht gab es nichts Wichtiges zu tun: Alle Haussklaven hatte er mit möglichst erniedrigenden Arbeiten betraut und natürlich für den Fall der Nichterledigung mit den widerwärtigsten Bestrafungen bedroht. Seine Truppen schliefen ihren Rausch aus, wie so oft in Friedenszeiten.

Als Hochgeborener eines bedeutenden Druchii-Fürsten entsprach Ungâtar nicht ganz dem Idealbild eines Dunkelelfs. Trotz des Ewigen Hasses auf alle anderen, in Druchii-Augen minderwertigen Völker der Alten Welt neigte schon sein Vater dazu, übergroßes Interesse an Gestalt und Wesensart der Vertreter fremder Rassen zu entwickeln. Und obwohl es schier unmöglich schien, jemals so etwas wie eine Verbindung zwischen Druchii und anderen Völkern zu schaffen, die über das Herr-Sklave-Verhältnis hinaus ginge hatte sein Vater seine fleischlichen Gelüste mit Sklavinnen jeglicher Völker gestillt. Woraus auch immer die Fähigkeit entsprang, das Aussehen und die Gestalt dieser ausschließlich weiblichen Rassenexemplare anders als abgrundtief hässlich zu empfinden – Ungâtars Vater hatte sie. Und er, Ungâtar, als direkter Nachkomme hatte sie auch.

Es war Tradition in ganz Naggaroth, nach einem gewonnenen Gemetzel die Beute unter den Männern aufzuteilen. Dass sein eigener Anteil „geringfügig“ höher ausfiel als der anderer Adliger, nun ja, er grinste elfisch verschlagen und dachte so bei sich „was interessiert mich der Reichtum oder die Armut meiner Untergebenen, solange sie nur tun, was ich von ihnen verlange“. Viel verlockender als die gewonnene Beute war jedoch das Geld, das er für die Verkäufe der versklavten Verlierer erhielt. Von diesem „Extraverdienst“ wusste natürlich nur der innere Kreis seiner Führungsmannschaft. So mancher Feind blieb nur deshalb am Leben, weil er auf dem Sklavenmarkt einen guten Preis erzielte.
Einige weibliche Sklaven behielt Ungâtar allerdings, und so hatte sein Harem nach der letzten Schlacht wieder einmal Zuwachs bekommen. Das war schon lange her und ein altbekanntes Hungergefühl überkam ihn, Hunger nach jungem, unverbrauchtem Fleisch.  Diese letzte Schlacht war eigentlich keine Ruhmestat gewesen, denn den Kampf hatten Bretonen und Untote gegeneinander ausgefochten. Ungâtar und seine Truppen waren zufällig während eines Beutezuges in der Nähe gewesen. Was die Kontrahenten sich nicht gegenseitig angetan hatten, erledigten dann Ungâtars Leute. Das einzige, was die Druchii am Leben ließen, waren die Beutesklaven der Untoten; auf Seiten der Bretonen war kein Mann am Leben geblieben. Es war also nichts anderes als eine Art Leichenfledderei von Seiten der Druchii gewesen, was wieder einmal die Andersartigkeit Ungâtars unterstrich. Seit dieser Schlacht hatte Ungâtar jedoch stets das Gefühl, mit dieser Form der Bereicherung etwas verhängnisvolles getan zu haben.

Es war nicht anders zu erwarten gewesen, dass in seinem Harem auch einige weiblichen Exemplare aus diesem Beutezug zu seiner Belustigung vertreten waren. Die vererbte Vielfältigkeit in Geschmacksfragen hatte Ungâtar schon oft einige Gespielinnen verschafft, die eben nicht dem elfischen Schönheitsideal entsprachen. Wenn ihn diese nicht mehr reizten, gingen sie wie alle anderen Beutesklaven auf den Sklavenmarkt oder verschwanden einfach. Kein Hahn krähte nach ihnen. Das würde auch hier so sein.

Noch war sein Drang beherrschbar, aber aus seiner Erfahrung wusste er, das sich seine Triebe nur mühsam über einen längeren Zeitraum bändigen ließen. ‚Also,’ dachte er, ‚dem Elf kann geholfen werden’! Wieder stahl sich ein breites, diesmal aber eher lüsternes Grinsen auf sein aristokratisches, blasses Antlitz. ‚Ich sollte mal bei den Damen vorbeischauen, es wird Zeit für etwas Abwechslung’. Seine Langeweile verflog schlagartig und mit zügigen Schritten strebte er in Richtung Druchii-Feste.

Die Feste war ein abgeschlossener Bereich auf der Schwarzen Arche, zu dem nur die Söhne der Adelshäuser Zutritt hatten. Auf dem Weg fiel ihm gar nicht auf, dass die Atmosphäre irgendwie anders war als sonst. Der Himmel, sonst überwiegend strahlend blau, hatte einen grauen Farbton mit dunklen Flecken bekommen.  Die Magier nannten diese Himmelserscheinung „Vorboten der Dämmerung“, aber es war mitten am Tag und noch viel zu früh für einsetzende Dunkelheit. Aber von alldem bekam Ungâtar nichts mit. Die Vorfreude hatte ihn völlig in Besitz genommen und blind für Himmelszeichen gemacht.

Er kam zum Eingang zur Feste und fand die beiden Gardisten, die den Zugang bewachten, schlafend vor. Wütend trat er dem einen der beiden zwischen die Beine und zuckte vor Schmerz zusammen. Er hatte schlicht vergessen, dass die Gardisten eine schwere, bodenlange Rüstung trugen und hatte sich heftig den Fuß am Kettenmantel der Wache geprellt. Blind vor Wut brüllte er die Wachen an ‚Nichtsnutziges Pack, nennt ihr das vielleicht Wache? Ich werde dafür sorgen, dass ihr degradiert werdet. Ihr werdet ab morgen meinen Abtritt säubern!’

Es kam keine Reaktion.

Das war merkwürdig. Normalerweise hätten die schlampigen Wachen protestiert, lamentiert  oder Ausreden gesucht. Nichts. Rein gar nichts. Ungâtar stutzte. Hier stimmte etwas nicht. Er ließ die Wachen dort wo sie waren einfach liegen und hastete humpelnd in den Vorraum der Feste. Auch hier fand er nur schlafende Elfen vor. Ohne Zeit zu verlieren, rannte er in den Prunksaal, von dort in die Wachstube, die Waffenkammer, die Küche, den Gesindebereich – überall dasselbe!
Nur schlafende, wie bewusstlos wirkende Elfen! Dann rannte er in seinen Harem, in die Kemenate und… fand den ebenfalls bewusstlosen Eunuchen sowie einige seiner Gespielinnen vor.
Plötzlich meinte er in den Augenwinkeln für einen Moment einen Schatten zu sehen. Als er den Kopf wendete, entdeckte er aber nichts. ‚Ich werde schon ganz irre, jetzt sehe ich schon Gespenster’ dachte er bei sich und wusste nicht, wie recht er damit haben sollte. Er ging von Frau zu Frau, vorsichtig nun und mit gezückter Handwaffe, seinem wunderschönen Opferdolch mit gezackter Klinge. Da! Eine Bewegung, ganz hinten in der Ecke, an einem der Haremsfenster. Er trat näher und fand dort seine derzeitige Lieblingsgespielin vor, eine in ihrem Reich als wunderschön geltende, blonde Bretonenprinzessin. Sie blickte ihn teilnahmslos mit einem völlig entrückten Blick an.

Ungâtar erschrak. Ihre einst so zart gebräunte Haut war fahl und blass, wie durchscheinend. Und da bemerkte er es: An ihrem Hals fand er eine kleine Wunde, aus der etwas Blut sickerte. Nein, eigentlich waren es zwei ganz feine, runde Wunden, nebeneinander mit etwa 6 cm Abstand zueinander. Er schaute näher hin und zuckte zurück. Seine sonst so stolze, arrogante Fassade bekam Risse. Sein Gedächtnis hatte eine Erinnerung hervorgeholt, einen Hauch nur, einen Hauch einer Geschichte, die ihm als kleinem Elfenbengel erzählt wurde. Eine Geschichte von immerwährend lebenden Wesen, deren Alter die selbst sehr hohe Lebenserwartung von Elfen wie einen Wimpernschlag der Zeit erschienen ließ. Und da dämmerte es ihm: Er hatte so etwas schon öfter gesehen, und zwar im Harem seines Vaters und zuletzt auf dem Schlachtfeld. Nun konnte er sich die seinerzeitige Aufregung erklären.

Untote!  Untote hatten die Feste in Naggor überfallen und alle in einen magischen Schlaf sinken lassen. Offensichtlich hatte man ihm sein Eingreifen in die Schlacht gegen die Bretonen übel genommen und wollte entweder Rache üben oder die erbeuteten Sklavinnen zurückerobern. Wenn er diejenigen finden wollte, die gebissen und deren Blut getrunken worden war, brauchte er nur nach den nicht schlafenden Elfen und Menschen zu suchen. Man konnte sicher sein, dass diese Gebissenen über kurz oder lang das Werk der Vampire vollenden würden und über den Rest der Bewohner Naggaroths herfallen würden.
‚Es müssen wohl nur wenige gewesen sein, sonst wären alle schon infiziert’, dachte sich Ungâtar. So stellten also die Untoten die Versorgung ihrer Höllenbrut sicher – sie ließen einfach ein paar Gesunde zurück und die Brut würde dann ihr Mahl selbst anrichten. Raffinierte Teufelei! Das erklärte auch den Überfall – die Nahrungsvorräte der Untoten gingen zur Neige und Ungâtar hatte sich ihrer Reserven bedient!

Rache ging auch ihm durch den Kopf und eiligst suchte er gezielt nach schlafenden Elfen, speziell nach einem Magiekundigen, der die noch Gesunden mit einem Trank oder ähnlichem hoffentlich aufwecken könnte. Und richtig, im Rumpf der Arche war eine kleine Eremitage eingerichtet, gedacht nur für den Erzmagier der Arche. Und dort fand er Melanzane, „seinen“ Magier. Mit dessen Hilfe weckte er alle schlafenden Elfen auf und konnte aus ihnen bald ein stattliches Kontingent an Truppen ausheben.

Schnell wurde klar, dass er, um die Vampire zu finden nur der Spur ihrer Verwüstung an elfischem und menschlichem Leben zu folgen brauchte. Aber vorher hatte er noch etwas zu erledigen.

Nicht ohne Bedauern ging er kurz vor dem Aufbruch seiner Truppen zurück in seinen Harem und zu seiner bretonischen Gespielin. Sie blickte ihn an, ohne Regung in ihrem einst so schönen Gesicht und wollte sich wie immer entkleiden, um das uralte Liebesritual mit ihrem Herrn und Meister Ungâtar zu beginnen doch er kam ihr zuvor. Mit einem brutalen Griff in ihre blonde Haarpracht zwang er ihren Kopf in den Nacken und durchtrennte mit einem einzigen schnellen Schnitt seines Opferdolches ihre Kehle. Ein gurgelnder, erstickter Schrei entrang sich ihrem Mund, der voller Blut war. Sie fiel zu Boden, starb aber nicht wie erhofft, sondern kroch grinsend auf ihn zu. Er begriff, das er ihr so kein Ende bereiten konnte. Er versetzte der Prinzessin einen heftigen Tritt in das blutverschmierte Gesicht, sie fiel auf den Rücken, bewegte sich aber noch. Ungâtar griff nach dem herumliegenden Schächter des Eunuchen, umklammerte den Schaft mit beiden Händen und versetzte ihr einen tödlichen Stoß mitten ins Herz. Dann war es vorbei.

Danach lehnte er sich erschöpft an einen der Stützbalken des Oberdecks und dachte eine kurze Sekunde lang daran, was wohl ihr Vater, Herzog Maurice Pomme de Chevaux, machen würde, wenn er dies erführe. Er wähnte nämlich seine Tochter, einem zu Lebzeiten verzogenen und rebellischen Menschenkind, auf der Flucht mit ihrem Geliebten. Sie hatte sich vor der Schlacht zusammen mit ihm vom Tross der Bretonen abgesetzt. Der Geliebte war längst tot, ein kleines Opfer, sozusagen als Zugabe zur Befriedigung der Mord- und Herrschlust Ungâtars. Pah, vergessen.

Die anschließende Verfolgung stellte sich als schwierig heraus. Immer wieder fielen einzelne Kämpfer seiner Truppe den hinterhältigen Angriffen von Nachtmahren, Gespenstern und Zombies zum Opfer. Die Moral der Truppe sank und Ungâtar wusste, das es sehr, sehr bald zu einer entscheidenden Schlacht kommen musste, um seine Mannen bei der Stange zu halten. Der Rachedurst der Untoten würde nicht eher gestillt sein, bis alle Druchii getötet oder als Nahrungsreserve versklavt wären. Und Ungâtar ahnte, das die noch fliehenden Truppen ein weit bedeutenderes Ziel hatten, als nur vor ihm und seinen Leuten davon zu laufen. Er spürte mit allen Sinnen, das er auf einen Hinterhalt zusteuerte.

Und dann, in der vierten Nacht nach dem Überfall, erreichte der Dunkelelf einen Landstrich, in dem kein Vogel flog, kein Fluss plätscherte, kein Wind wehte und alles in allem, Totenstille herrschte. Da wusste er, dass er am Ziel angekommen war. Er würde sich diesmal ehrenhaft dem Gegner stellen und hoffentlich einen vernichtenden Sieg erringen. Nur damit wäre die Schmach getilgt, auf den Schlachtfeldern anderer Kämpfer nach Beute gesucht zu haben, statt sie sich selbst erkämpft zu haben. Sein Verhängnis wäre abgewendet.

Doch das ist eine andere Geschichte.

 

Foto: © 2010 Hans-Dieter Kujath, Kamera: Medion MD6000, Bildbearbeitung: Zoner Photo Studio 13

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Jan
10. März 2012 10:55

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